Nationalismus - Identität - Europäertum
Gyula Kurucz (Hrsg.)
edition q Verlags-GmbH,
Berlin, 1994
Verfall und Glanz des Nationalismus
von
Tomislav Sunic
Kein anderes politisches Phänomen vermag so kreativ and so
destruktv zu wirken wie der Nationalismus. Nationalismus kann Metapher sein für
letzte Wahrheit und zugleich Allegorie für die Nostalgie des Todes. Kein
exotisches Land, kein Gold, keine Frau kann solche Gefühlsausbrüche hervorrufen
wie das geheiligte Vaterland, und, alle Freudianer mögen verzeihen, mehr
Menschen sind für die Verteidigung ihres Vaterlands gestorben als für die
Verteidigung der Ehre ihrer Frauen. Wenn wir davon ausgehen, dass politische
Macht das stäkste Aphrodisiakum darstellt, so muss der Nationalismus die
ausserste Erfüllung sein.
Spricht man in angelsächsischen Ländern über Nationalismus, so
wird dieser gewöhnlich reflektiert als Ausdruck uralter Stammesriten, als Gewalt
und böse Politik, als etwas, das dem Fortschrittsgedanken zuwider läuft. Für
einen amerikanischen Liberalen ist Nationalismus traditionell mit irrationalen
Impulsen verknüpft, mit etwas Unkalkulierbarem, das zudem den hässlichen Zug
aufweist, kaufmännische Denkungsart zu verderben. Ein Kaufmann liebt weder
Grenzen noch nationale Symbole, seine Ehre sind seine Handelsgüter, seine
Freunde sind die, die auf dem weltweiten Markt die besten Offerten unterbreiten.
Es ist kein Zufall, dass der Kaufmann während des Zweiten Weltkriegs die Allianz
mit dem Kommissar vorzog, ungeachtet dessen, dass die Grausamkeit des Kommissars
oftmals die des Nationalisten in den Schatten stellte. Daniel Bell hat einmal
geschrieben, amerikanische Liberale fänden es schwierig, ethnische Verblendung
überhaupt zu verstehen, da die amerikanische Denkungsweise „räumlich and
zeitlich nicht festgelegt" sei. In der Tat muss es einem insularen Geist absolut
närrisch erscheinen, wenn er zwei Völker beobachtet, die sich um einen kleinen
Bach oder einen winzigen Streifen Land streiten, wenn zudem kaum ökonomischer
Vorteil im Spiel ist. Der Politiker in Amerika ist, im Gegensatz zu seinen
europäischen Kollegen, für gewöhnlich zunächst Grundstücksmakler, und seine
Haltung zur Politik gleicht der zu einer Transaktion.
Ohne Zweifel betrachtet der heutige Amerikaner „on the road",
in den Fussstapfen von Jack Kerouac oder Dos Passos, jene ethnische
Ausschliesslichkeit als etwas Ängstigendes, die heute Osteuropa vom Balkan bis
zum Baltikum erschüttert. Die Mystik des territorialen Imperativs, mit ihrem
unvorhersehbaren ethnischen „Kessel", muss für die Denkungsweise des
„Schmelztiegels" eine grobe Beleidigung darstellen.
Entgegen der weitverbreiteten Auffassung ist Nationalismus
keine Ideologie, da ihm die programmatische Dimension fehlt und er sich jeder
Kategorisierung entzieht. Bestenfalls kann Nationalismus beschrieben werden als
eine Art erdverbundenen Verhaltens mit Resten von Heidentum. Während der
Liberalismus mit dem rationalen Singular operiert, bevorzugt der Nationalismus
stets den irrationalen Plural. Für den Liberalen ist das Individuum Epizentrum
der Politik, für den Nationalisten bedeutet es lediglich ein Partikel in der
historischen Gemeinschaft. Um die verschiedenen Spielarten von Nationalismus
sichtbar zu machen, könnte man eine europäische Familie beobachten, die am
steinigen Strand der französischen Riviera Urlaub macht, and sie mit einer
amerikanischen Familie am Sandstrand von Santa Barbara vergleichen. Die erstere
wird peinlich genau ihren eigenen kleinen Platz abstecken and auf die Kinder
aufpassen; letztere wird in dem Moment, da sie den Strand erreicht,
nomadengleich ausschwärmen, jedes Familienmitglied wird dabei seine
„privacy" suchen. Nebenbei: Dieses Wort existiert in den
kontinentalen europäischen Sprachen gar nicht (und ist mit „private
Abgeschiedenheit" nur notdürftig übersetzt).
Nach dem Zweiten Weltkrieg sich für einen Nationalisten zu
erklären, bedeutete für einen Europäer etwa soviel wie das Eingehen einer Ehe
mit dem Neofaschismus. Angesichts der Asche von Auschwitz waren in der Tat nur
wenige gewillt, öffentlich die romantischen Ideen von Dichtern und Prinzen des
19. Jahrhunderts zu preisen, deren idyllische Eskapaden ein Jahrhundert später
einem ganz und gar nicht idyllischen Schlachthaus zur Geburt verhalfen. In Jalta
betrachtete man dann die Idee eines Europa, das die Liturgie von Blut and Boden
sang, als zu gefährlich, und beide Supermächte fesselten diese Erinnerung
mittels ihrer besonderen Strategie der „doppelten Zügelung". Nach ihrer
Exkursion in den grössten Bürgerkrieg der Geschichte entschlossen sich die
Europäer, nicht länger über Nationalismus oder Selbstbestimmung zu sprechen.
Statt dessen zogen es viele europäische Intellektuelle, besonders die gelehrten
Deutschen, vor, ihre unterdrückte nationalistische Energie auf weit entfernte
Palästinenser, Sandinisten, Kubaner oder Kongolesen zu richten, statt auf den
eigenen ethnischen Kreis. Nationalismus in der dritten Welt wurde für die
europäischen Mandarine sowohl zur esoterischen Katharsis all zum exotischen
Ûber-Ego; über die Lage eines Xhosa
in Südafrika oder eines Ibo in Nigeria zu theoretisieren oder Trecks nach
Kaschmir und Katmandu zu organisieren, wurde zur eleganten Art des
sich Wälzens
in einem neuen politischen Romantizismus. Diese Stellvertreterart eines
Meta-Nationalismus spielte lange Zeit für die untätigen und domestizierten
Europäer, die Zeit brauchten, ihre Wunden zu heilen, and die auf eine neue
Renaissance warteten, die Rolle eines psychologischen Ruhekissens.
Hat diese Renaissance bereits stattgefunden? Das liberale
Zwischenspiel, welches 45 Jahre dauerte und seinen grössten Aufschwung nach dem
Kollaps seines kommunistischen alter ego erlebte, konnte in der Tat sein Ende
finden. Von Iberien bis Irkutsk, von Kasachstan bis Kroatien reklamieren
hunderte verschiedene Völkerschaften wieder einmal ihr Recht auf einen Platz
unter der Sonne. Die Feststellung, sie würden ihre Stimme allein aus
wirtschaftlichen Gründen erheben, ist irreführend, und Liberale machen einen
grossen Fehler, wenn sie Nationalismus mit strukturell-funktionellen Paradigmen
wegzuerklären versuchen oder wenn sie ihn achselzuckend als Ûberbleibsel einer traditionell vergangenen
Gesellschaft abtun. Im Gegensatz zu weitverbreiteten Annahmen ist der
Zusammenbruch des Kommunismus in Europa und in der Sowjetunion sehr direkt
verknüpft gewesen mit ethnischen Frustrationen, die über Jahrzehnte geschlummert, sich jedoch
zu sterben geweigert hatten. Dies ist das offensichtlich Paradoxe am Ende des
20. Jahrhunderts: Während allenthalben über Integration, multikulturelle
Prozesse, Õkumene und kosmische Verbrüderung gesprochen wird, werden
über all Brüche, Fissuren and Spaltungen sichtbar. Paradoxes
zuhauf: Wenn das kleine Luxemburg einem viel grösseren Slowenien Predigten hielt
über die Nützlichkeit des Verbleibens im jugoslawischen Verbund; wenn Präsident
Bush, nachdem es ihm nicht gelungen war, die Balten wirklich zu retten, einen
künstlichen Satrapen zu Hilfe nahm und den Begriff „Selbstbestimmung" ins Feld
führte, was doch längst nur noch die Selbstbestimmung einer Handvoll neuer
Machthaber war; oder wenn sowjetische Apparatschiks Sorge heuchelten bezüglich
der schlimmen Lage der Palästinenser und gleichzeitig ihre Baschkiren and
Meschketen umso schlimmer behandelten.
Heute tritt der Nationalismus in die dritte Phase seiner
Geschichte ein und zeigt erneut - vergleichbar einer vielköpfigen Hydra und
heulenden Hekuba - seinen unvorhersehbaren Charakter. Muss sich seine
Kreativität allein in Gewalt äussern? Ethnische Kriege sind bereits in
Nordirland im Gange, im Baskenland, auf Korsika, von Jugoslawien ganz zu
schweigen, wo zwei entgegengesetzte Nationalismen das Europa von Versailles in
Stücke reissen un die Nachfolger der Vertragasschliessenden mit unbequemen un
fordernden Fragen konfrontieren.
Nationalismus tritt in verschiedenen Ländern unterschiedlich
auf, und alle Spielarten haben ihre eigene Bedeutung. Nationalismus kann von
rechts herkommen, ebenso auch von links. Er kann reaktionär oder progressiv
sein, in jedem Fall aber kann er nur existieren, wenn da ein dialektisches
Anderes ist. Ohne die Konfrontation mit dem aggressiven französischen
Jakobinismus hätte der deutsche Nationalismus des 19. Jahrhunderts nicht
gedeihen können; der moderne englische Nationalismus ist nicht denkbar ohne die
Heimsuchungen durch das aggressive Preussen. Jeder Nationalismus braucht sein
Feindbild, sein Bild des Bösen, denn Nationalismus ist erklärtermassen
der Ort politischer Polarisierung, wo der Unterschied zwischen Feind und Freund,
zwischen „hostis“ und „amicus“, bis zu seinem tödlichen Paroxysmus
vorangetrieben wird. Konsequenterweise ist es dann kein Wunder, dass ethnische
oder gar interethnische Kriege (wie zur Zeit zwischen Kroaten und Serben) zu den
grausamsten überhaupt gehören, wobei beide Seiten einander schmähen, sich
verteufeln and für die totale Vernichtung des jeweils anderen beten.
Hinzu kommt, dass jeder Nationalismus parallel zu seinem
positiven Gründungsmythen sich auch seiner negativen Mythologie bedienen muss,
welche in Zeiten heraufkommender nationaler Desaster das Volk für den Kampf mit
dem Feind rüstet and bestärkt. Um ihre heutige junge Generation zu mobilisieren,
werden also polnische Nationalisten ihre Toten von Katyn auferstehen lassen, die
Deutschen ihre in Schlesien und im Sudetenland Begrabenen; die Kroaten werden
ihre Ikonographie auf den Massengräbern der Nachkriegsjahre aufbauen, die Serben
ihre Hagiographie auf den Opfern der Kriegsgefangenenlager. Leichenzähler,
ausgerüstet mit neuesten Statistiken und modernsten Suchgeräten, erhalten
Unterstützung durch griffige Metaphern, die gewöhnlich dazu tendieren, die
eigene Opferzahl stark erhöht, die des Feindes aber stark reduziert anzugeben.
Deutsche Nationalisten sprechen von Polen als „Polacken", und französische
Chauvinisten nennen die Deutschen „boches". Wer kann leugnen, dass rassische und
ethnische Schmähungen zu den gebräuchlichsten Waffen gehören, die weltweit von
Nationalisten gebraucht werden?
Nationalismus ist kein allgemeines Konzept, und liberale
Ideologen täuschen sich oft, wenn sie den europäischen Nationalismus auf ein
Konzept, eine Kategorie reduzieren wollen. Unterstrichen sei deshalb: Es gibt
ausschliesslichen, alleinigen (exclusive) sowie anderes einschliessenden
(inclusive) Nationalismus, ebenso wie es diese beiden Arten von Rassismus
gibt. Mitteleuropäer machen im allgemeinen einen feinen Unterschied zwischen
jakobinischem staatsgebundenem zentralistischem Nationalismus sowie auf der
Gegenseite dem volksgebundenen Nationalismus in Ostmittel- und Osteuropa. Der
jakobinische Nationalismus ist von Natur aus zentralistisch, er zielt auf
globale Demokratie, in jüngster Zeit hat er seinen Ausdruck gefunden in dem von
George Bush verkündeten ökumenischen Postulat von der „einen Welt".
Ironischerweise gab es schon, bevor die Jakobiner überhaupt geboren waren, eine
Bewegung in Richtung auf den französischen Nationalismus, und zwar als Produkt
einer besonderen geopolitischen Lage, aus der später der moderne französische
Staat hervorging. Richelieu oder Ludwig XIV. waren in diesem Sinne ebenso
Jakobiner wie ihre späteren Nachfolger Saint-Juste, Gambetta oder De Gaulle. In
welche Richtung man im heutigen Frankreich auch blickt - nach links, rechts oder
ins Zentrum -, die Antwort ist stets Jakobinismus. Auf ähnliche Weise handelten
in England die Tudors und Cromwell (mit ihren Liquidierungen und dem Völkermord
in Cornwall and Irland – „ad majorem Dei gloriam“- sowie an einer grossen
Zahl weiterer ethnischen Gruppen) als zentralistische Nationalisten. Churchill
und andere britische Führer des 20. Jahrhunderts retteten das Land 1940, als sie
erfolgreich an den Nationalismus appellierten.
Im Gegensatz zu weitverbreiteten Ansichten wurde das Wort
„Nationalismus“ im nationalsozialistischen Deutschland kaum benutzt.
Statt dessen popularisierten die deutschen Nationalisten in den zwanziger und
dreissiger Jahren solche abgeleiteten Begriffe wie „Volkstum“,
„Volksheit“ oder „völkisch“, die allesamt etymologisch mit dem
Wort „deutsch“ zusammenhingen und während der Naziherrschaft sinnverwandt
mit dem Wort „rassisch“ verwendet wurden. Das Wort „Volk“ wurde im frühen
19. Jahrhundert durch Johann Gottlieb Fichte in den deutschen Sprachgebrauch
eingeführt, als die Deutschen mit einiger Verspätung begannen, ihr
Staatsbewusstsein zu festigen. „Volk“ darf nicht einfach mit dem
lateinischen „populus“ oder dem englischen „people“ gleichgesetzt
werden. Und eine Ironie der Geschichte ist es, dass die Bedeutung des Wortes
„people“ im Englischen durch seinen vielgestaltigen Sinn eher
verschwommen ist. „People“ kann ein organisches Ganzes bedeuten (damit ähnlich
dem „Volk“), zunehmend aber wird es im Sinne einer Ansammlung vieler
einzelner Individuen gebraucht. Ebenso ironisch: Der deutsche Gedanke vom
ionalismus unterdrückten. Ähnlich übernahmen in England Kaufleute und
Ûberseekompagnien die Rolle der Erbauer des Nationalstaats, die der englischen
Krone, auch mit Hilfe von Seeräubern, zu Reichtum verhalfen. Interessant
auch die Tatsache, dass Churchill während der Schlacht um
England mit dem Gedanken spielte, Downing Street und den Westminster Palace in
den Mittelwesten der USA zu verlagern - eine Geste, die wohl in einem
mitteleuropäischen Staat als nationaler Selbstmord empfunden worden wäre.
Frankreich wurde - wie Amerika - zuerst ein Staat, auf diesem
Fundament vollzog sich danach, aus unterschiedlichster Stammesherkunft die
Verschmelzung der Menschen zum französischen Volk. Im Gegensatz dazu waren die
Deutschen zwar lange ohne Staat, doch immer schon ein geschlossenes Volk. Die
Geschichte Frankreichs dagegen ist hauptsächlich eine Geschichte des
Völkermords; französische Herrscher, von den Kapetingern and Bourbonen bis hin
zu den Jakobinern der Neuzeit betrieben systematisch die Ausrottung von
Ozitaniern, Vendéern, Bretonen and anderen Völkerschaften. Unterdrückung von
Regionalismus und Regionalbewusstsein zählte zu den wichtigsten Kennzeichen der
französischen Akkulturation - bis hin zu dem jüngsten Versuch, Araber aus den
Ländern des Maghreb zu „französieren". Heute zahlt Frankreich den Preis für
seine Träume von Egalité und Universalismus. Einerseits versucht es, den Massen
von Einwanderern aus der dritten Welt universelle Werte und Gesetze
überzustülpen, andererseits muss es täglich für seine multirassischen sozialen
Schichten das Prinzip der Selbstbestimmung proklamieren. Betrachtet man das
Ganze aus historischer Perspektive, so spricht alles dafür, dass Frankreich zum
Spitzenkandidaten dafür geworden ist, dass von ihm rassische Kriegführung auf
ganz Europa übergreift.
Der Blick auf Deutschland und die osteuropäischen Staaten
enthüllt dem scharfen Auge sofort eine unruhige Region mit fliessenden Grenzen,
„Saison-Staaten", jedoch mit stark kultur und geschichtsbewussten Völkern.
Mittel- und Osteuropa verfügen über weit zurückreichende Erinnerungen, doch die
dortigen Grenzen sind keineswegs klar gezogene ethnographische Linien.
Deutschland z. B. bietet das Bild eines offenen und kaum definierten Staates,
zugleich aber ist es eine in sich geschlossene Gesellschaft. Im Gegensatz dazu
sind das jakobinische Frankreich, das funktionalistisch denkende England und
Amerika geographisch geschlossene Staaten, aber offene Gesellschaften. In diesen
Ländern war der Nationalismus stets einschliessend (inclusive) and trat
mit globalen wie imperialistischen Ansprüchen auf, indem er seine
zentralistische Botschaft weltweit sehr verschiedenen Völkern vermittelte.
Auch die Ethnopsychologie der europöischen Volker ist durch die
geographische Lage beeinflusst worden. Der Deutsche war lange Zeit ländlich
geprägt; sein psychologischer Habitus und sein Auftreten sind korporativ und
erdverbunden. Er zeigt grosse Verbindlichkeit, doch mangelt es ihm an
Höflichkeit; wie die meisten Landbewner ist er gewöhnlich schwerfällig und tut
sich schwer mit sozialen Beziehungen. Im Gegensatz dazu ist der Franzose,
unabhängig von ideologischen Bindungen und sozialem Hintergrund, fast immer
Kleinbürger; mit bestem Auftreten und Stil, doch voller Anmassung. Anders als der deutsche Nationalist
entwickelt der französische ein Ûbermass an Stil, doch ohne Verbindlichkeit.
Selbst der ignoranteste ausländische Tourist wird bei den Deutschen etwas
neblige and unberechenbare Züge feststellen, während er
gleichzeitig erfreut ihren Sinn fär professionelle Korrektheit und absolute
Ehrbarkeit zur Kenntnis nimmt. Im Gegensatz dazu werden Körpersprache und
Manieriertheit der Franzosen, so angenehm sie auch erscheinen, häufig einen
perplexen Eindruck und Enttäuschung hinterlassen.
Im Verlauf ihrer Ethnogenese hat die Sprache den jeweiligen
Völkern letzten „Anstrich" verliehen. Die deutsche Sprache ist eine organische,
unendlich verästelte Sprache; sie ist zugleich die reichste europäische Sprache.
Die französische Sprache, mit grossen Ähnlichkeiten zur englischen, ist eine
begrenzte Sprache, die sich mehr im Kontext als in der Flexion entfaltet. Als
idiomatische Sprachen sind das Französische und Englische ideal für maritime
Handelstreibende wie für die Geschäftigkeit eines Hafens. Im Laufe der
Geschichte, beim Drang der Engländer und Franzosen nach Universalismus, haben
sich das „sabir“-Französisch und das „Pidgin“-Englisch sowohl als
erstaunlich homogenisierende Mittel wie als handhabbare Faktoren bei der
Akkulturation erwiesen. In der Folge wurden Englisch und Französisch universelle
Sprachen, im Gegensatz zum Deutschen, das sich niemals aus seinem geographischen
Dunstkreis hinausbewegt hat.
Die deutsche Idee vom Reich eignete sich über Jahrhunderte
perfekt für die offenen Landstriche Europas, in denen diverse, eng verbundene
Gemeinschaften lebten. Weder Habsburger noch Brandenburger haben jemals
versucht, die nicht-germanischen Völker ihrer Jurisdiktion zu unterwerfen oder
sie zu assimilieren, wie das die Franzosen und Engländer in ihren Territorien
taten. Die Donaumonarchie war, ungeachtet ihrer Mängel, eine stabile
Gesellschaft, erprobt in fünfhundertjährigem Bestehen. Während des ersten und
zweiten Reiches verfügten die Regionen, Städte and Dörfer innerhalb der Grenzen
Õsterreichs und Preussens über ein
grosses Mass an Eigenbestimmung, was sie häufig verwundbar machte gegenüber
französischen, schwedischen und englischen imperialen Ambitionen.
Das deutsche „Volk“ ist ein aristokratischer wie auch
ein demokratischer Begriff, da die Beziehungen zwischen der einheimischen
Aristokratie und dem deutschen Volk traditionell organisch waren. Anders als
Frankreich oder England hat Deutschland kaum jemals mit ausländischer
Versklavung experimentiert. Die ethnischen Unterschiede zwischen Aristokratie
und Volk sind in Deutschland minimal; im Gegensatz dazu hat sich die
Aristokratie in Frankreich, Spanien and England für gewöhnlich aus der
nordeuropäischen Herrscherkaste rekrutiert, und nicht aus der Quelle des eigenen
Volkes. Folglich kann man selbst heute noch, trotz aller Forderungen der
Französischen Revolution, grössere rassische Differenzen zwischen einem
französischen Aristokraten und einem gewöhnlichen Franzosen feststellen, als
zwischen deutschen Aristokraten und Normalbürgern. In Deutschland wurzelte die
Beziehung zwischen „Eliten" und „Gemeinen" stets in ganzheitlicher Umgebung, als
Folge blieb man eine Gesellschaft, die kaum einen ausgearbeiteten
Gesellschaftsvertrag beöotigt. Die sozialen Beziehungen sind auf horizontale
Hierarchie und geschlossene Strukturen gegründet, zusätzlich gestützt durch die
Idee von der „Gleichheit unter Gleichen". Dagegen kann man die englische und
französische Gesellschaft als vertikal hierarchisch und äusserst geschichtet
bezeichnen; in der Konsequenz kann es nicht überraschen, dass der französische
und englische Rassismus zu den bösartigsten Spielarten auf der Welt gehören.
Hier sollte man daran erinnern, dass die ersten Rassengesetze unseres
Jahrhunderts nicht in Deutschland in Kraft traten, sondern im liberalen Amerika
und England.
Politologen werden eines Tages darüber nachdenken, warum die
kräftigsten egalitären Impulse in Frankreich und Amerika zu beobachten sind,
zwei Ländern, die noch bis vor kurzem die härtesten Formen des Rassismus
praktiziert haben. Sind wir heute Zeugen einer besonderen Form von
Gewissensbissen oder nationalem Masochismus, oder einfach einer egalitären Form
von einschliessendem (inclusive) Nationalismus? Solcher Nationalismus und
Rassismus, die sich in Universalismus und globalem Anspruch manifestieren,
versuchen den Unterschied zwischen Ausländern and Einheimischen zu tilgen,
obwohl der Ausländer in Wirklichkeit stets gezwungen ist, die legale
Suprastruktur seiner nun „reuevollen" weissen Herren zu akzeptieren. Indem er
seine rassistische Vergangenheit scheinbar beiseite schiebt, jedoch seine
universalistische Botschaft ins Extreme steigert, zeigt der Westen
paradoxerweise, dass er heute kein bisschen weniger rassistisch ist, als er es
gestern war. Ein elitärer Denker wie Vilfredo Pareto hat dazu geschrieben, dass
liberale Systeme im Niedergang sich mehr um die Herkunft ihrer Hunde zu sorgen
scheinen als um die Herkunft ihrer Nachkommen. Und ein Linker, Serge Latouche,
bemerkte kürzlich, dass die liberalen Rassisten, während sie die Flagge des
ethnisch-nationalen Masochismus schwenken, zugleich ihren „dekorativen Farbigen"
liberale Werte und Rechtsnormen aufzwingen.
Völkern und ethnischen Gruppen geht es wie Zweigen and
Blutenblättern; sie wachsen and sterben ab, selten nur erstehen sie wieder.
Frankreich und England mögen ihre glorreiche Vergangenheit beschwören, doch
diese Vergangenheit wird unweigerlich mit der neuen, ethnisch vielfältigen
Realität verbunden werden müssen. Litauen war vor mehreren Jahrhunderten ein
gigantisches kontinentales Imperium, heute ist es nur ein Fleckchen auf der
Karte. Das unbedeutende Moskau des 15. Jahrhunderts wurde zum Zentrum des
folgenden russischen Reiches, weil in anderen Fürstentümern, wie Susdal oder
Nowgorod, mehr über Asthetik als über Machtpolitk reflektiert wurde. Grosse
Katastrophen, wie Kriege and Hungersnöte, können Vorboten des Zusammenbruchs
einer Nation sein, doch ebenso können Zügellosigkeit und demographischer Suizid
den Ausgang des menschlichen Dramas bestimmen. Das postideologische Europa wird
sehr bald entdecken, dass es sich nicht für ewig in die Abhängigkeit von Ideen
technokratischer Eliten begeben kann, die der Chimäre eines „gemeinsamen
europäischen Marktes" hinterherjagen. Wie stets, so wird auch diesmal die
Bedeutungsschwere von kostbarem Blut und heiligem Boden überspringen von denen,
die ihr Schicksal am besten zu meistern wissen, auf jene, die bereits
entschlossen waren, ihr Schicksal aufzugeben. Oder, um Carl Schmitt zu
paraphrasieren : Wenn ein Volk sich von der Politik abwendet, so bedeutet dies
nicht das Ende der Politik; es bedeutet einfach das Ende eines schwächeren
Volkes.
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